Fabrikhallen . ehemaliges Technologiezentrum . Konstanz
16.-18. Januar 2026
WP Site Responsive Art . HTWG Konstanz . WiSe 25/26
mit Studierenden der Architektur (BA8 und MAR)
in Kooperation mit Jochen Friedrichs und Hannes Munk vom Amt für Stadtplanung und Umwelt der Stadt Konstanz.
Ortsbezogene Kunstwerke . Rohbaustelle Panorama
Zeitfenster
Asel Erduman
“Wahrnehmung braucht ein Zeitfenster”
Am ersten Tag habe ich den vollständigen Fensterschatten auf der Wand gesehen. Er war klar, eindeutig, als fertiger Zustand präsent. Ich habe gesehen, dass er da ist, aber ich habe nicht gesehen, wie er entsteht. Die Frage nach diesem Dazwischen – nach dem Zeitfenster, in dem sich dieser Zustand bildet – blieb offen.
Am zweiten Tag habe ich mich an denselben Ort gesetzt und gewartet. 77 Minuten lang. Nicht, um einen bestimmten Moment festzuhalten, sondern um zu verstehen, was passiert, wenn Wahrnehmung Zeit bekommt. Mein Fokus lag auf einer einzelnen Ecke des Fensterrahmens, deren Schatten sich langsam über die Wand verschiebt.
Diese Bewegung ist kontinuierlich. Meine Wahrnehmung ist es nicht. Immer dann, wenn sich die Position dieser Ecke so verändert hatte, dass ich die Veränderung bewusst wahrgenommen habe, habe ich eine Markierung gesetzt und den Zeitpunkt notiert. Zwischen den Markierungen liegen keine gleichmäßigen Abstände, sondern meine Wahrnehmung.
Zwischen den Markierungen liegt jeweils ein Zeitfenster: ein Zeitraum, in dem sich etwas verändert, ohne sofort als Veränderung erkannt zu werden. Fotografien halten genau diese Zeitfenster fest. Sie zeigen nicht den gesamten Verlauf, sondern die Momente, in denen Wahrnehmung einsetzt.
Das gesamte Werk versteht sich als dieses Zeitfenster. Nicht als einzelner Moment, sondern als Dauer dazwischen. Von der ersten Wahrnehmung bis zu dem Moment in dem das Bild eindeutig wird.
Die Arbeit zeigt nicht den Schatten des Fensters, sie zeigt dass Wahrnehmung Zeit braucht – dass Wahrnehmung ein Zeitfenster braucht.
Vor dem Fenster, hinter dem Fenster
Elena Podkorytova
Die Baustelle befindet sich im südlichen Teil von Konstanz, direkt am Grenzbach. Hinter einem unscheinbaren Fenster verbirgt sich ein wunderschöner Ausblick auf den Bach – genau an jener Stelle, an der er besonders malerisch über die Steine fließt und unter der Brücke verschwindet. Da diese Öffnung jedoch sehr unauffällig ist und genauso aussieht wie alle anderen, soll dort eine Kunstinstallation aus Draht angebracht werden. Sie soll die Aufmerksamkeit auf diesen Bereich lenken und die Personen im Raum dazu bewegen, an die Scheibe heranzutreten und das Stück Natur dahinter zu entdecken.
Die Installation greift inhaltlich das Thema Natur auf: Im Innenbereich ist das Fenster mit Schilf eingefasst, als Anspielung auf das Gewässer. Im Schilf läuft ein Fuchs, da diese Tiere im Stadtgebiet von Konstanz häufig anzutreffen sind. Schilf und Fuchs bilden die erste Ebene der Installation direkt vor dem Fenster. Im Außenbereich befindet sich die zweite Ebene. Diese zeigt einen Frosch, der nach einer Libelle hochspringt. Er will die Libelle fressen, weiß jedoch nicht, dass der Fuchs ihn bereits ins Visier genommen hat. Läuft man im Innenbereich am Fenster vorbei, überlagern sich die Ebenen: Aus bestimmten Blickwinkeln scheint es, als lande der Frosch erst im Maul und anschließend im Bauch des Fuchses.
Der Zweck der Installation ist die Thematisierung der Verbindung zwischen Innen- und Außenbereich sowie der Gedanke, dass der Innenraum auf besondere Orte im Außenbereich entsprechend reagieren sollte.
Verflochten
Emma Hesse . Klara Newels . Maximilian Scheer
Fenstergitter mit Draht, Luftpolsterfolie, Wellpappe und Absperrband
Die Installation zeigt eine Generationen Szene in drei Akten. Die Figuren sind auf einem Gitter konstruiert und aus Rödeldraht gezeichnet, der in das Gitter eingeflochten wurde. Durch diese Technik überschreiten die Figuren den Rahmen der Fläche, treten aus ihr heraus und scheinen miteinander zu interagieren.
Die Arbeiten sind mit unterschiedlichen Materialien gefasst, darunter Folien, Pappe und Absperrband, die jeweils direkt in das Gitter integriert wurden. Die Installation entfaltet ihre Wirkung auf verschiedenen Maßstabsebenen: Aus größerer Entfernung sind zunächst nur die Umrisse der Figuren erkennbar; mit zunehmender Nähe werden die Konturen schärfer und die Materialität deutlicher wahrnehmbar.
Die einzelnen Figuren stehen jeweils auf dem Fundament der älteren Generation. Diese Abhängigkeit und Weitergabe wird durch die Übergänge der verwendeten Materialien sichtbar gemacht und bildet ein zentrales inhaltliches Element der Arbeit.
1. Generation (9×16) . Draht mit Luftpolsterfolie
2. Generation (16×22) . Draht mit Wellpappe
3. Generation (16×27) . Draht mit Absperrband
Grenzflieger
Antonia Amann . Annika Beier . Anna Rüger
Auf der Baustelle in der Schulthaißstraße 15 in Konstanz, unmittelbar an der Grenze zur Schweiz, entsteht „Grenzflieger“. Der Ort ist geprägt von Übergängen: geografisch, räumlich und symbolisch. Das Fenster der Baustelle öffnet den Blick in die Ferne, doch zugleich liegt ein Metallgitter als starres Raster davor, eine Grenze zwischen Innen und Außen, Freiheit und Konstruktion.
Ausgehend von der Beobachtung von Vögeln und ihren Flugbewegungen analysierten wir die einzelnen Flugstadien eines Vogels. Diese Momente des Abhebens, Tragens und Gleitens wurden abstrahiert und mit Bewehrungsstahl nachgeformt. Das harte, schwere Baumaterial, eigentlich für Tragwerk und Stabilität bestimmt, wird gebogen, verformt und in eine fragile, fast zeichnerische Struktur überführt. Aus Statik wird Bewegung, aus Konstruktion wird der Flug des Vogels.
Schritt für Schritt werden die Stahlformen am Metallgitter des Fensters befestigt. Das Raster, ursprünglich als Schutz und Abgrenzung gedacht, wird zur Projektionsfläche einer Geschichte. Die starre Ordnung des Gitters steht im Kontrast zu den fließenden Linien des Vogelflugs. Grenze wird nicht aufgehoben, sondern neu gelesen.
Das Video entsteht aus einer Vielzahl von Fotografien, die in ihrer Abfolge eine Bewegung simulieren. Bild für Bild entfaltet sich eine Erzählung: die Geschichte einer Vogelmutter, die den geschützten Raum verlassen hat, frei durch den Raum fliegt und Nahrung zu ihren Jungen bringt. Der Wurm wird zum Symbol von Fürsorge, Verantwortung und Rückkehr. Am Ende löst sich der Vogel wieder vom Ort und verschwindet in die Ferne zurück in die Freiheit.
Grenzflieger thematisiert das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Bindung, zwischen Notwendigkeit und Loslösung. Fliegen wird nicht als grenzenlose Bewegung verstanden, sondern als bewusster Akt zwischen Start und Rückkehr. Die Grenze, sei sie baulich, geografisch oder emotional, wird dabei zum Ausgangspunkt vom Geschehen.
Die Arbeit verbindet Naturbeobachtung mit gebautem Kontext, erzählerische Symbolik mit rohem Material. Sie macht sichtbar, dass selbst an Orten der Begrenzung Geschichten von Freiheit entstehen können – fragil, temporär und nur im Moment erfahrbar.
Geflecht der Besitzansprüche
David Friederich . Yannic Spitz
Im Grenzbachareal wird Leerstand zum Nährboden. Aus Draht formt sich ein Wildwuchs, der zwar keine Ordnung kennt und doch einer inneren Logik folgt. Die Installation dringt in das Gebäude ein, sucht den Zwischenraum und macht sichtbar, wie sich Natur langsam, aber unaufhaltsam Raum zurückholt.
„Der Draht wächst. Er klammert sich an Kanten, sucht Risse, folgt keiner Ordnung außer seiner eigenen. Was als Gebäude gedacht war, wird zur Stütze.“
Wie eine Kletterpflanze wuchert das Geflecht in die geometrische Architektur hinein, löst deren klare Struktur auf und verschiebt ihre Rolle: vom gestalteten Objekt zum passiven Träger. Das Werk thematisiert natürlichen Wildwuchs, Ausbreitung im Dreidimensionalen und Wachstum ohne System. Es stellt Fragen nach Besitz, Dauerhaftigkeit und Kontrolle. Wem gehört ein Gebäude in Momenten des Leerstands? Ist Architektur Besitz, oder nur eine temporäre Unterbrechung von Wachstum? Wenn das Haus Wurzeln schlägt, wird deutlich, dass leerstehender Raum niemals wirklich leer ist.
Dreck
Simon Albrecht . Martina Hermanutz . Enija Ikanivic . Mika Morhard . Maximilian Schädlich
„Dreck“ ist eine ortsbezogene Installation, die aus einem unbeabsichtigten Ereignis hervorgeht: Wasser setzt angesammelten Schmutz in Bewegung und macht ihn zum künstlerischen Material. Der im Gebäude vorgefundene Dreck wird nicht nur sichtbar gemacht, sondern aktiv genutzt – als Farbe, als Spur, als druckendes Medium.
Mit dem vor Ort gesammelten Schmutz werden Texturen gestempelt. Die Stempelvorlagen bilden Gegenstände, Oberflächen und Bauteile des Ortes selbst. Ihre Materialität – etwa Metall, Beton, Gummi oder Kunststoff – ist namensgebend für die jeweiligen Kunstwerke. Der Dreck fungiert dabei als vermittelnde Substanz zwischen Objekt, Architektur und Bild.
Ausgehend vom Boden wandert der Dreck an die Wand und formt dort eine Stempeltapete, die Strukturen des Gebäudes aufnimmt und weiterführt. Diese Bewegung verdichtet sich in einem horizontalen Streifen aus vor Ort gefundener Pappe, der als Präsentationsebene dient. Auf ihm werden die mit Dreck gestempelten Leinwände in einer bewusst musealen Ordnung gezeigt – im deutlichen Kontrast zur rohen, schmutzigen Umgebung.
Verschiedene Oberflächen des Raumes werden in die Installation einbezogen: der Boden mit metallischem Schmutz und Wasser, die Wand mit den gestempelten Spuren, die Pappe, die um Ecken geführt wird und sich an bestehende Einbauten anschmiegt. Die Ausstellung entwickelt sich aus dem Ort heraus und bleibt materiell an ihn gebunden.
Die ursprünglichen Fundorte der verwendeten Gegenstände und Materialien sind im Raum durch rote Markierungen gekennzeichnet. Diese Verortung macht den Prozess nachvollziehbar und verbindet Werk, Raum und Herkunft unmittelbar miteinander. „Dreck“ versteht Verschmutzung nicht als Störung, sondern als Abdruck von Nutzung, Zeit und Bewegung.
Die Wand
Christina Geser . Selina Höfler . Nicole Mistele
Die Wand ist von früheren Nutzungen geprägt. Sichtbar sind Schrauben, Gewindestangen und Dübel, insbesondere rote Kunststoffdübel, die in der Wand verblieben sind. Diese Befestigungs-punkte waren ursprünglich funktional, werden hier jedoch als vorhandenes Material verstanden und weiterverwendet. Jeder Punkt steht für einen einzelnen Eingriff, zusammen bilden sie eine strukturierte Anordnung.
Die Arbeit untersucht die Wand nicht als geschlossene Fläche, sondern als System von Bezie-hungen. Gleiche Elemente werden miteinander verbunden: kleine Schrauben mit dünnem Draht, Gewindestangen mit dickem Draht, rote Dübel mit roter Schnur. Dadurch entstehen verschiede-ne Verbindungsebenen, die sich überlagern und kreuzen. Die bestehende Unruhe und Farbe der Wand wird nicht ausgeglichen, sondern aufgegriffen und weitergeführt.
Licht ist ein wesentlicher Bestandteil der Arbeit. Schrauben, Ösen und Drähte werfen Schatten, die als eigenständige Zeichnung auf der Wand erscheinen. Die Schatten der Drähte wirken je nach Material und Abstand unterschiedlich: Dünner Draht erzeugt unruhige, wellige Schatten, während die rote Schnur eine klarere, lineare Schattenform bildet. Mit zunehmendem Abstand zur Wand verändern sich Schärfe und Dichte der Schatten.
Ein weiterer Ausgangspunkt war der Klang. Die verwendeten Materialien reagieren unterschied-lich auf Berührung. Dicker Draht erzeugt einen gedämpften, schweren Klang, dünner Draht klingt heller und direkter und reflektiert stärker von der Wand. Auch die Länge der Drähte beeinflusst den Ton. Die rote Schnur erzeugt keinen Klang und bleibt rein visuelles Verbindungselement. Die Arbeit bewegt sich zwischen Zeichnung, Klang und Schatten. Die Wand wird nicht über-deckt, sondern als vorhandene Struktur sichtbar und erfahrbar gemacht.
